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In Deutschland lag ein Schwerpunkt auf der Lüneburger Heide mit 31 Untersuchungsflächen. © Jorgson Photography/Shutterstock.com

Dark Diversity

Wenn Artenvielfalt auf naturnahen Flächen verarmt

Ein Artikel von Alexandra Pickner | 28.05.2025 - 07:58

Forschende haben in 119 Regionen weltweit nicht nur dokumentiert, welche Pflanzenarten vorkommen, sondern auch analysiert, welche Arten eigentlich vorhanden sein könnten, aber fehlen. Diese Methode, bekannt als „Dark Diversity“, zeigt eindrucksvoll, wie sehr menschliche Aktivitäten die ökologische Qualität von Lebensräumen beeinträchtigen. Auch in Deutschland, etwa in der Lüneburger Heide, wurde dieser Effekt deutlich festgestellt.

Die Studie untersuchte insgesamt 5.415 Vegetationsflächen in 66 Ländern auf allen Kontinenten mit Vegetation. Jede Fläche war 100 Quadratmeter groß und stellte einen natürlichen oder naturnahen Lebensraum dar. In Deutschland lag ein Schwerpunkt auf der Lüneburger Heide mit 31 Untersuchungsflächen.

Um den Einfluss des Menschen zu messen, berechneten die Forschenden den Human Footprint Index im Umkreis von 50 Kilometern um jede Testfläche. Dieser Index umfasst Faktoren wie Bevölkerungsdichte, Landnutzung, Urbanisierung und Infrastruktur. Das Ergebnis: In Gebieten mit wenig menschlichem Einfluss waren im Schnitt über 30 % der potenziell möglichen Pflanzenarten vertreten. In stärker genutzten Regionen sank dieser Anteil auf unter 20 % – selbst wenn die Flächen selbst als naturnah galten.

Europa und Nordamerika schnitten in der Studie schlechter ab als andere Weltregionen – das zeigte sich auch in der Lüneburger Heide. Dort wurden auf 31 Flächen insgesamt 107 Pflanzenarten gefunden, meist in naturnahen Wäldern. Für eine Beispiel-Fläche zeigte sich: Dort wuchsen zwölf Arten, darunter Hängebirke, Rotbuche, Eiche und Heidelbeere. Doch 37 weitere Arten, die ökologisch gut gepasst hätten, fehlten. Sowohl der menschliche Einfluss als auch die Dark Diversity waren in der Lüneburger Heide relativ hoch, während die Community Completeness – also der Anteil tatsächlich vorhandener Arten – vergleichsweise niedrig ausfiel. Das wird auf intensive Landnutzung und die lange Siedlungsgeschichte zurückgeführt.

Die Studie bringt alarmierende Details: Der Einfluss menschlicher Aktivitäten reicht oft über Hunderte Kilometer hinaus. Die Beta-Diversität – die Unterschiedlichkeit der Artenpools in einer Region – nahm mit zunehmendem menschlichem Einfluss zu. Ursache ist vermutlich die Zerschneidung von Lebensräumen und die Entstehung künstlicher Landschaftsstrukturen. Die Studie zeigt, dass menschliche Aktivitäten die Artenvielfalt selbst in scheinbar intakten Gebieten verringern können, besonders in der Nähe von Ackerland, Siedlungen und Verkehrswegen.

Der Dark-Diversity-Ansatz macht nicht nur versteckte Verluste sichtbar, sondern bietet auch Chancen für den Naturschutz: Viele fehlende Arten sind regional noch vorhanden und könnten durch gezielte Maßnahmen zurückkehren. Ein Beispiel: In der Lüneburger Heide wurden Samen von Arten der Dark Diversity wieder ausgebracht – mit ersten vielversprechenden Erfolgen. Je besser die Arten ökologisch zum Standort passten, desto erfolgreicher etablierten sie sich. Sollte sich dieser Erfolg langfristig bestätigen, könnte dieser Ansatz helfen, lokal verschwundene Arten zurückzubringen und das Artensterben gezielt zu bremsen.


Quelle: Pflanzenforschung