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Der Pfynwald im mittleren Wallis ist der grösste zusammenhängende Waldföhren-Wald in der Schweiz © WSL/Reinhard Lässig

WASSERHAUSHALT    

Bäume haben ein ökologisches Gedächtnis

Ein Artikel von Renate Stoiber (bearbeitet) | 20.07.2020 - 13:13

Man könnte sagen: Bäume vergessen nicht – weder verbesserte noch verschlechterte Bedingungen in der Vergangenheit gehen an ihnen spurlos vorüber und wirken sich noch in der Gegenwart aus. Das fand die internationale Forschergruppe unter der Leitung der WSL (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft) in einem Bewässerungsprojekt im Kanton Wallis heraus.

Profitieren Bäume von guten Jahren?

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Im Pfynwald bewässern WSL-Wissenschaftler seit 2003 mehrere Waldparzellen. Bei einem Teil davon wurde die Bewässerung nach elf Jahren wieder gestoppt. Dieses langfristige Experiment bietet perfekte Bedingungen, um Anpassungen an trockene und feuchte Bedingungen zu untersuchen © WSL/Reinhard Lässig

Seit ca. zwei Jahrzehnten sterben im Kanton Wallis zum Teil großflächig Waldföhren ab. Der Klimawandel verschärft die trockenen Bedingungen im Lebensraum. Im Pfynwald geht die WSL in einem Bewässerungsversuch den Wachstumsbedingungen auf den Grund. Ab 2003 bewässerten die Forscher dort mehrere Parzellen, um die Abhängigkeit des Wachstums der Föhren von der Wasserverfügbarkeit aufzuzeigen.

Die zuerst trockengestressten und dann bewässerten Bäume entwickelten sich gut, die Kronen wurden dichter, die Stämme dicker als bei nicht bewässerten Vertretern. Ende 2013 stellte man dann auf einzelnen Flächenteilen die Bewässerung ein, um der Frage nachzugehen, ob die Bäume von den elf „fetten“ Jahren profitieren konnten oder ob die Anpassung an die vorherrschenden Bedingungen sich verschlechtert hat.

Nadel reagieren rasch, Stämme verzögert

Die Antwort auf die Frage zeigte sich verschieden, je nach betroffenem Organ des Baumes und teilweise überraschend. Wir erwartet wuchsen die neu gebildeten Nadeln kürzer als diejenigen aus den Bewässerungsjahren, die Länge neuer Asttriebe nahm aber erst im zweiten trockenen Jahr ab – ein erster Hinweis auf einen sogenannten „Legacy-Effekt“. Das sind Wachstumsreaktionen, die nicht durch vorherrschende Bedingungen erklärbar sind, sondern durch solche aus der Vergangenheit. Bäume haben also ein ökologisches Gedächtnis.

Am erstaunlichsten bezeichnen den Wissenschafter aber die verzögerte Auswirkung auf das radiale Stammwachstum: Die Jahreszuwächse blieben über vier Jahre hindurch deutlich breiter als vor der Bewässerung. Das Stammwachstum profitiert von den Ressourcen und Strukturen aus der vergangenen Phase.

Die Forschung zeigte also auf, dass sich die Intensität des Baumwachstums unter feuchteren Bedingungen positiv auf folgende Trockenjahre auswirken kann. Allerdings gilt auch der Umkehrschluss, wie die Wissenschafter betonen, dass ein extremes Trockenjahr sich negativ auf mehrere folgende Jahre auswirken kann. Wachstum und viele physiologische Prozesse hängen nicht allein von den aktuellen Wetterbedingungen ab, damit werfe auch der Trockensommer 2018 seinen Schatten voraus.


Quelle: WSL