Lange Zeit galt in der Forschung die Annahme, dass nur Menschen und andere Wirbeltiere mit vergleichsweise großen Gehirnen in der Lage sind, neue Probleme spontan und ohne vorheriges Training zu lösen. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch Hummeln über erstaunliche kognitive Fähigkeiten verfügen. In einem Experiment standen die Tiere vor einer Herausforderung: Eine blaue Kunstblume mit einer Belohnung war außerhalb ihrer direkten Reichweite angebracht. In der Umgebung befand sich jedoch ein kleiner Styroporball. Die Hummeln erkannten, dass sich dieser bewegen ließ, rollten ihn gezielt durch ein einfaches Labyrinth unter die Blume und nutzten ihn anschließend als erhöhte Plattform, um an die Belohnung zu gelangen.
Für die Wissenschaft ist dieses Verhalten von besonderer Bedeutung. Die Tiere mussten zunächst verstehen, dass der Ball beweglich ist, und anschließend erkennen, dass er als Hilfsmittel eingesetzt werden kann, um ein unerreichbares Ziel zugänglich zu machen. Damit gelang erstmals der Nachweis, dass Hummeln eigenständig und ohne spezielles Training eine neuartige Lösung für ein Problem entwickeln können. Bemerkenswert ist dabei, dass die Insekten nicht darauf vorbereitet wurden, den Ball als „Leiter“ zu verwenden. Sie hatten lediglich gelernt, dass die blaue Blume eine Belohnung enthält und dass der Ball ungefährlich ist. Die konkrete Lösung mussten sie selbst finden. Die Versuchstiere verfügten somit über keine Vorerfahrung mit einer vergleichbaren Aufgabe.
Die Ergebnisse erweitern das bisherige Verständnis tierischer Intelligenz. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass Hummeln Werkzeuge nutzen, voneinander lernen, zusammenarbeiten und ihr Verhalten flexibel an neue Situationen anpassen können. Die neuen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass selbst sehr kleine Gehirne in der Lage sind, kreative und situationsangepasste Lösungen hervorzubringen. Gleichzeitig sehen die Forschenden darin keinen Hinweis auf ein menschenähnliches Bewusstsein bei Insekten. Vielmehr zeigen die Beobachtungen, dass komplexes Problemlösen nicht zwangsläufig ein großes Gehirn voraussetzt. Hummeln sind offenbar in der Lage, auf neue Herausforderungen flexibel zu reagieren – ein Forschungsfeld, dessen Mechanismen erst allmählich verstanden werden.
Quelle: geo