Die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die zunehmende Globalisierung machen uns zunehmend Stress. Die Information von heute ist morgen schon alt. Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Ohne funktionierende Netzwerke ist es kaum mehr möglich, die nötigen Informationen über Sorten, Kulturtechnik u. ä. mit vertretbarem Aufwand zeitgerecht zu beschaffen. Andererseits sind gut funktionierende Filter erforderlich, um in der Informationsflut nicht zu ersticken.
Zahlreiche Gartenbauunternehmer stöhnen über eine gewisse Überforderung. Einerseits sind die meisten Gartenbaubetriebe so klein, dass die Chefs die wichtigsten Managementfelder selbst abdecken müssen. Andererseits werden kooperative Führungsstile noch wenig gepflegt. Drittens lässt die (notwendigerweise) steigende Arbeitsproduktivität immer weniger Spielraum. So schlittern nicht nur Arbeitnehmer in die Burnout-Falle. Viele Unternehmer sind in noch wesentlich höherem Ausmaß gefährdet, für ihre Ideale oder das täglich Plan-Soll auszubrennen.
Arbeitskreise – Plattformen mit Zukunft
Seit über zehn Jahren betreut das Unternehmerpaar Beatrix und Helmut Hohengartner in Österreich zwei Arbeitskreise von Gartenbaubetrieben, die in der Zusammenarbeit und im Netzwerk-Gedanken große Chancen sehen. Die drei jährlichen Treffen dienen dazu, sich gemeinsam weiterzubilden, über den Tellerrand zu blicken und Erfahrungen auszutauschen. In einem offenen Kennzahlenvergleich werden die Stärken und Schwächen aller Beteiligten transparent.
Durch die Offenheit aller Beteiligten erfahren die Einzelnen, was sie in manchen Bereichen besser machen als Andere bzw. was sie vielleicht besser machen könnten. So wird der Arbeitskreis zu einer Plattform gegenseitiger Unterstützung. Sehr oft liegt der Erfolg nicht darin, noch länger und noch mehr zu buckeln, sondern das „Richtige“ zu tun.
Effizienz und Effektivität
Wichtig ist es, die „richtigen Sachen“ in Angriff zu nehmen, sprich effektiv zu sein. Alte Gewohnheiten, Betriebsblindheit und Verstrickungen stehen uns manchmal im Weg. Durch den Austausch im österreichweiten Arbeitskreis fließen wertvolle Informationen, wie Andere gewisse Dinge anpacken. Manchmal ist weniger auch mehr. Das zu erkennen, ist nicht immer leicht.
Deshalb braucht es im Arbeitskreis einen wertschätzenden Umgang, um den Mut aufzubringen, sich für Neues zu öffnen und Veränderungen zuzulassen. Im gemeinsamen Austausch erleben wir auch unsere Grenzen. Im offenen und ehrlichen Gespräch erfahren wir, was vielleicht nicht mehr gesund ist und wo Überforderungen der Riegel vorgeschoben werden muss.
Überwindung von Betriebsblindheit
„Alte Gewohnheiten wirken wie eine Sucht“, meinte Erna Hruschka, eine bedeutende Gartenbauberaterin, vor vielen Jahren. Diese Aussage hat nach wie vor ihre Richtigkeit. Einsicht ist die Grundvoraussetzung für jede Veränderung. Deshalb ist auch der Austausch mit anderen so wertvoll, nicht nur für die Weiterbildung. Oft ist eine gemeinsame Beratung bei größeren Projekten wie z. B. bei Investitionen sinnvoll. 20 Arbeitskreis-Teilnehmer haben einen besseren Blick als ein einzelner. Schon so manches Projekt wurde adaptiert oder verkleinert. Wissenschaftlich nennt man dieses Phänomen die Weisheit der Vielen.
Interessant im Arbeitskreis unserer Endverkaufsbetriebe ist, dass dieser Austausch immer größere Wellen zieht. Es gibt kaum mehr einen Bereich, bei dem keine Vernetzung stattfindet und auf Spezial-Know-how zurückgegriffen wird. Auch die Weiterbildung der Mitarbeiter erfolgt in gewissen Abständen überbetrieblich und gemeinsam. Informationen zu wichtigen Themen wie Warenpräsentation und Wegeführung werden ausgetauscht. Teilweise werden sogar Dienstleistungen angeboten, Kollegen bei der Mitarbeiterschulung, bei der Warenpräsentation oder bei der Vorbereitung von Events zu unterstützen.
Die Risiken der modernen Zeit
Typisch für die moderne Zeit ist die zunehmende Spezialisierung der Produktion. Dies macht z. T. sogar einen Ausbildungs-Verbund erforderlich. Ansonsten können nicht mehr alle Ausbildungsinhalte abgedeckt werden. Diese Spezialisierung ist aber nicht in allen Bereichen möglich.
Endverkaufsbetriebe haben einen ganz speziellen Spagat zu leisten. Sie müssen ein breites Sortiment anbieten, wünschen sich aber gleichzeitig eine Spezialisierung bei der Produktion. Das passt nicht zusammen. Aus diesem Grund wird die Eigenproduktion im Endverkauf zunehmend schwieriger, denn das bedeutet ein riesiges Sortiment in kleinen Stückzahlen. So kleine Stückzahlen pro Sorte sind oft gar nicht mehr erhältlich.
Viele geben die Eigenproduktion auf, denn sie kommen mit dieser Verzettelung nicht mehr klar. Oder sie scheitern an der Wirtschaftlichkeit. Wo bleibt dann aber die Einzigartigkeit? Will man z. B. eine Sortimentsbreite aufrechterhalten, die Gartencenter oder z. T. auch Branchenfremde problemlos anbieten können, geht kein Weg an einer Kooperation vorbei.
Vertrauen ist Voraussetzung
Dieser Gedanke macht vielen Stress, denn das Vertrauen in die Gärtnerkollegen wird nicht immer groß geschrieben. Vertrauen ist aber notwendig, wenn gemeinsam produziert und ausgetauscht werden soll. Dasselbe Thema trifft aber auch die reinen Produzenten. Allein sind viele zu schwach, um der Marktmacht der Abnehmer Paroli bieten zu können. Selbst in Deutschland, wo es viel mehr Vermarktungsorganisationen gibt als bei uns, werden die Kräfte zunehmend gebündelt.
Das zeigt z. B. die heuer gegründete Kooperation „PlusPlants“ von 7 Topfpflanzenbetrieben. Ihr Ziel ist es, mit einer größeren Palette und super Qualität, einer gemeinsamen Marke und einem besseren Marktauftritt auch bessere Preise zu erzielen. Umgekehrt gilt dasselbe. Auch beim Einkaufen ist es oft sehr zielführend, gemeinsam zu agieren.
Die Kräfte bündeln
Die Landesverbände der Landwirtschaftskammern und unsere zwei Arbeitskreise zeigen es in manchen Bereichen vor, wie es gehen könnte. Kooperationen zahlen sich z. B. bei einem gemeinsamen Marktauftritt aus. Nur so kann die Pflanze oder das Gemüse des Jahres populär gemacht werden. Die gemeinsamen Werbeaktivitäten und die Produktimage-Kampagnen der Blumenwerbung sind nicht mehr wegzudenken.
Im Arbeitskreis gehen manche Gärtner sogar noch einen Schritt weiter. Sie tauschen Werbe- und Informationsmaterialien aus und optimieren somit ihre einzelbetriebliche Werbung. Auch die Kreation von Eigenmarken für Substrate, Dünger u. ä. ist in vielen Bundesländern sehr erfolgreich.
Arbeitsgemeinschaften für Forschung, Züchtung & Versuchswesen
Unbestritten ist die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit im Züchtungs- und Versuchswesen. Nur so können die Kräfte gebündelt und mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis eingesetzt werden. Ein interessantes Beispiel ist die Fa. NEON bei Orchideen. 6 Firmen aus Deutschland, Dänemark und der Schweiz arbeiten in dieser Kooperation zusammen. Die Zusammenarbeit reicht von der Züchtung über den Anbau bis zu einem gemeinsamen Werbeauftritt und einer gebündelten Vermarktung. Im Fokus steht auch der Austausch von Erfahrungen und Verfahren.
Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen
Nur bei einem Ausgleich zwischen Geben und Nehmen ist eine Kooperation auf Dauer erfolgreich. Solange Misstrauen herrscht und sich einzelne nicht in die Karten schauen lassen wollen, ist der Misserfolg vorprogrammiert. Dasselbe gilt für die Bereitschaft, mindestens so viel in den gemeinsamen Pool einzubringen wie daraus zu schöpfen.
Ursachen für ein Scheitern von Kooperationen liegen meist im menschlichen Bereich, seltener im Fachlichen. Dieser Umstand ist auch in den Arbeitskreisen wichtig. Ist ein gewisser räumlicher Abstand zwischen den einzelnen Teilnehmern gegeben, sodass diese keine direkten Mitbewerber sind, fällt die gemeinsame Arbeit leichter. Denn eines ist klar: es braucht Größe, sich vor einer Gruppe zu outen und offen für Neues zu sein.
Praxiserfahrungen eines Gärtners
„Die meisten denken zu groß. Kooperationen können auch bei vielen kleinen Dingen beginnen“, meint Georg Müller aus Thüringen. Er ist ein namhafter Jungpflanzenproduzent und Zierpflanzengärtner aus Vorarlberg.
Die meisten Gärtner denken gleich an eine gemeinsame Produktion oder an Warenaustausch, wenn sie das Wort Kooperation hören. Es sind aber schon die kleinen Dinge, die das Leben enorm erleichtern. Georg Müller nennt z. B. die Balkonblume des Jahres, gemeinsame Bestellungen von Jungpflanzen oder Produktionsmitteln, den Austausch extensiv genutzter Geräte oder die gemeinsame Buchung von Technikexperten o. ä. Aus den kleinen Dingen können sich dann die großen entwickeln.
Dafür braucht es aber menschliches Zusammenwachsen. Ohne Vertrauen gelingt gar nichts. Ein Gleichgewicht sei wichtig. Neid sei ganz schlecht. Sehr wertvoll ist, nach einer Sitzung noch ein wenig zusammen zu sitzen und sich auszutauschen.
Wenn das gelingt, ergeben sich die nächsten Schritte fast von selbst. Die sind auch nötig, wenn man an die rasanten Veränderungen und den enormen Kostendruck denkt. Chancen sieht Georg Müller genug – vor allem in der Kooperation zwischen Endverkaufsbetrieben und reinen Produzenten.